Die Königin des Meeres

 

 

 

Es waren einmal zwei Schwestern, eine reich, die andere arm.
Die Arme hatte viele Kinder, und so war sie gezwungen,
im Hause der reichen Schwester zu dienen. Eines Tages, als sie gerade Brotteig machte,
um Brot zu backen, kam eine ihrer Töchter und zog sie an der Schürze.
"Mama, gib mir ein wenig Teig, damit ich mir einen Kuchen machen kann."
Um sie loszuwerden, gab ihr die Mutter eine kleine Portion Teig und sagte:
"Geh, geh und back dir das und iss es am Ende der Welt!"

Die Tochter lief sofort mit dem Teig davon.
Aber als sie sich an die Worte ihrer Mutter erinnerte,
wagte sie nicht, ihn daheim zu backen.
So fing sie an, den Strand entlangzuwandern,
und sie suchte einen Ort am Ende der Welt.
Sie wanderte und wanderte, und endlich kam sie an einem einsamen Ort an,
wo sie niemanden fand und auch kein Zeichen sah,
dass dort irgendjemand lebe. Da sprach sie bei sich:
"Ist hier endlich das Ende der Welt?"

Da kam plötzlich aus dem Meer heraus eine schöne Dame,
die von anderen hübschen Mädchen begleitet war.
Es war die Königin des Meeres mit ihrem Hofstaat von Sirenen.
"Was suchst du, Mädchen?", sagte die Königin.
"Herrin, könnt Ihr mir diesen Teig backen lassen,
denn ich habe großen Hunger, und meine Mutter hat mir gesagt,
dass ich ihn nur dort essen darf, wo das Ende der Welt ist."
Da kamen auf ein Zeichen der Königin die Sirenen
und machten ein Feuer. Und in dem Feuer buken sie den Teig,
und es entstand ein schönes, knuspriges und duftendes Brot.
" Hier ist dein Brot", sagte die Königin des Meeres,
"iss es und sättige dich. Erinnere dich in Zukunft immer,
wenn du in Gefahr bist, an mich, und ich werde kommen, um dir in allem beizustehen."

Das Mädchen bedankte sich und ging wieder heim,
aber als es durch einen Wald ging, kam eine Räuberbande,
nahm sie gefangen und band sie an einen Baum. Sie stachen ihr die Augen aus und ließen sie zurück.
Gegen Abend wollte es das Glück so, dass dort ein Königssohn vorbeikam.
Als er das Mädchen sah, befreite er es,
setzte es auf sein Pferd und führte es in den königlichen Palast.
"Armes Mädchen", sagte der Prinz, "wer hat dich in diesen Zustand versetzt?"
"Die Räuber, mein Prinz. Ich danke Euch, dass ihr mich vom Tode errettet habt;
aber wie bin ich traurig, dass ich euch nicht sehen kann!"
Da erinnerte sie sich plötzlich des Versprechens,
das ihr die Königin des Meeres gemacht hatte,
und sie rief aus: "Meine schöne Königin des Meeres.
Ihr habt mir versprochen, mir in jeder Lage zu helfen.
Nun bin ich ohne meine Augen. Gebt mir mein Augenlicht,
damit ich das Gesicht des Königssohns sehen kann!"

Unter diesen Bitten schlief sie ein, und als am nächsten Tag der Königssohn kam,
um sie zu besuchen sah er zu seinem Staunen,
dass das Mädchen seine Augen wieder hatte. Und es besaß wunderbar schöne Augen!
Die Königin des Meeres hatte nämlich vom Grunde des Meeres zwei leuchtende Sterne geholt
und sie dem Mädchen eingesetzt. Es waren so schöne Augen, dass der Königssohn sich sofort verliebte.
Er heiratete das arme Mädchen und lebte glücklich zusammen mit ihr und ihrer Familie.

(aus "Italienische Volksmärchen,
hersg. und übers. Felix Karlinger,
erschienen in der Reihe "Märchen der Weltliteratur".)