|


Einhorngedichte

Mein
Wunsch
Irgendwann werde ich das 'Einhorn'
rufen,
auf ihm zum Himmel reiten,
um den Abendstern zu stehlen.
Für Dich. Auch den Mond werde
ich einpacken,
um ihn für eine Nacht in Dein
Fenster zu hängen.
Auf dem Rückweg treffe ich die
Sonne,
sie erkennt meine Absicht
und schenkt mir freiwillig ihre
wärmsten Strahlen.
Ich decke Dich damit zärtlich
zu
und freue mich über Dein Lächeln.
Und für diesen Moment gehört es
nur mir.
Autor unbek.

Das
Einhorn
Der Heilige hob das Haupt,
und das Gebet fiel wie ein Helm
zurück
von seinem Haupte:
denn lautlos nahte sich das Niegeglaubte,
das weiße Tier,
das wie eine geraubte hülflose
Hindin
mit den Augen fleht. Der Beine
elfenbeinernes Gestell
bewegte sich in leichten Gleichgewichten,
ein weißer Glanz glitt selig durch
das Fell,
und auf der Tierstirn, auf der
stillen, lichten,
stand, wie ein Turm im Mond,
das Horn so hell,
und jeder Schritt geschah, es
aufzurichten.
Das Maul mit seinem rosagrauen
Flaum war leicht gerafft,
so dass ein wenig Weiß (weißer
als alles)
von den Zähnen glänzte;
die Nüstern nahmen auf und lechzten
leis.
Doch seine Blicke, die kein Ding
begrenzte,
warfen sich Bilder in den Raum
und schlossen einen blauen Sagenkreis.
Rainer Maria Rilke, Winter
1905/06,

Die Sonette an Orpheus Zweiter
Teil , Vers IV
O dieses ist das Tier, das es
nicht gibt.
Sie wußtens nicht
und haben jeden Falls sein Wandeln,
seine Haltung, seinen Hals
bis in des stillen Blickes Licht-
geliebt.
Zwar war es nicht.
Doch weil sies liebten, ward ein
reines Tier.
Sie ließen immer Raum.
Und in dem Raume, klar und ausgespart,
erhob es leicht sein Haupt
und brauchte kaum zu sein.
Sie nährten es mit keinem Korn,
nur immer mit der Möglichkeit,
es sei.
Und die gab solche Stärke an das
Tier,
daß es aus sich ein Stirnhorn
trieb.
Ein Horn. Zu einer Jungfrau kam
es weiß herbei-
und war im Silber- Spiegel und
in ihr.
Rainer Maria Rilke


|